Weihnachten ist morgen

Als ich unseren Bauernmarkt verlasse, stehen da noch immer die Leute mit dem Federvieh, ein paar Hühner und viele Truthähne. Weihnachtszeit, die Orthodoxen feiern Christi Geburt am 7. Januar. Vor dem Mäuerchen stehen mehrere kleine Trutengruppen beieinander. Die Schwarzen, die Weissen, die Braunen und die, die von allem abgekriegt haben. Will ein Tier davonrennen, kippt es sofort um, denn ihre Füsse sind mit Schnüren untereinander verknüpft. Rauf, runter, lockeres Schwingen der flachen Köpfe zur Seite, zurück, die seitlichen Augen drehen sich neugierig. Kurze Gurrlaute entfliehen den roten Schnäbeln. Ich stehe und schaue. Ich bin hier eine schräge Nummer, schaue wie verzaubert, und will nichts kaufen, darum letztlich völlig uninteressant. Am unteren Hals, bevor die Brustfedern beginnen, hängen zwei bis drei fingerbeergrosse rote runde Hautballen. Sonst sind Hals und Kopf überdeckt mit glatten unregelmässigen Hautausstülpungen. Schlangenhaut mit Ausschlag, wild darüber gekleckert die Farben. Von dunkel zu wässrigem Rot, fahles und leuchtendes Pink, Weiss, und vergilbtes Hellblau. Wer nur hat diese Tiere erfunden? Manchmal hängt zwischen den Augen ein langer roter Hautschlenker herab, gerade über den Schnabel, oder seitlich verrutscht.

Vorher probierte ich bei der fülligen Frau mit dem Pantoffel-Stand verschiedene Mützen. Ich suchte nach einer Feinen, die ich unter der Gestrickten anziehen kann, denn bei Wind zieht es mir mit nur einer Mütze an den Schädel. Als die Auswahl enger wird, suche ich mit den Augen nach einem Spiegel. Die Verkäuferin zeigt aufs Auto hinter sich. Auf dessen Dach stehen verschieden grosse Gummistiefel. Ich gehe nach hinten. Meint sie den Seitenrückspiegel? Ich bücke mich zum kleinen Spiegel und merke, dass er ins Autoinnere zeigt. Was mach ich hier? “Ar scheidzleba!” (Funktioniert nicht!) Ruf ich der Frau zu. Jemand fragt: “Was will sie?” “Einen Spiegel!” Die Verkäuferin schaut zu mir und deutet auf das andere Auto. Die halten mich sicher für doof. Ich zeige ihr den Vogel, wie um mich zu rehabilitieren. Wir lachen. Ich komme zurück und kaufe die Mütze. 

Mura

Du bist mein Begleiter geworden, mein geliebter Freund. Beim Halt auf einem unserer letzten Spaziergänge legtest du die rechte Vorderpfote leicht über mein am Boden ausgestrecktes Bein. Welch überraschende Geste. Als wir uns kennenlernten, hatte dein Blick etwas Gefangenes, eine mechanische Konstruktion im leeren Raum, Zurückweichen war darin, Angst auch. Seitdem ist das Braun deiner Augen samten geworden, warm. Es schaut mich einfach an, oder spürt mich mehr, nicht schweifend, nicht direkt, schlicht da.

Noch vor zwei Jahren wusste ich kaum etwas über Hunde. Ich war unerfahren und gleichzeitig unbefangen, Angst plagte mich keine. Wacho und ich bezogen unser Haus auf dem Lande mit einem jungen Hund dabei. Und du, Mura, schliefst schon seit Jahren auf dem verwitterten Sofa, draussen vor dem Haus, unter der Veranda. Nach einem Jahr verloren wir das Hündchen, schon ein kräftiger Jugendlicher geworden. 

In georgischen Dörfern gibt es viele Hunde, so auch in unserem Quartier. Du warst der Chef, Mura. Jeder Hund, der sich bei uns in die Strasse verirrte, wurde sofort gebeugt. Du sprangst ihm oder ihr auf den Rücken und bissest in den Nacken. Die rohe Gewalt liess mich jedesmal erschauern. Einmal sah ich vom Garten aus, wie ein grösserer Hund, vom kleinen Pfad, der in unsere Strasse mündet, zurück getrippelt kam, verjagt von euch bellender kleiner Schar. Er war grau und kurzhaarig, jedoch nur noch Hinterteil, nur noch Schwanz zwischen die hinteren Lenden geklemmt, es bockte ihn förmlich auf, er war die reine entsetzliche Niederlage, Scham und Qual. 

Deine Schnauze, Mura, wurde immer weisser und du kamst immer seltener mit Verletzungen nach Hause. Mura kämpfte nicht mehr und ging leicht gebückt, aber auch in fremden Territorien reichte ein Fauchen seinerseits und junge, starke Hunde nahmen sich zurück. Nach der Infektion warst du doch wieder munter, aber es dauerte nicht lange, und du legtest dich unter den Tisch der Veranda, ganz im Kreis, die Schnauze am Schwanzansatz. Du warst sehr ruhig, fast nicht mehr da, ich durfte dir ganz nah sein. Du trankst und asst nicht mehr. Nach drei Tagen verliessest du unseren Garten. 

Mura gegenüber von Garikula, Kartli, Georgien

Der Besuch

An der Kurve zur Dorfausfahrt steht ein Pfarrer, der mit seinem Daumen Richtung Tiflis zeigt. Er macht mir ein extra Zeichen, ich halte an. Der Schwarzkuttige öffnet ohne viel Aufhebens die hintere Tür und haut sich rein. Er hatte nicht verstanden, dass ich zuerst noch die Tomaten, für meine Schwiegermutter in der Stadt gedacht, vom Rücksitz in den Kofferraum retten wollte. Glück gehabt, es gab keine zerquetschten. Wie sich im Rückspiegel herausstellte, war der Geistliche jünger als ich und leutselig. Unser Dorfpfarrrer. Don Camillo kommt mir in den Sinn – und ich Peppone? Er bekommt einen Anruf, jemand wartet auf ihn „In 20 Minuten bin ich da!“, sagt er, das kommt nie und nimmer hin, weiss ich. Um ihn zu unterstützen drücke ich auf die Tube und werde dafür in den Antworten einsilbiger. Er versteht und zusammen fliegen wir nach Tiflis, wo er mir in der Vorstadt, beim grossen Parking eines Supermarktes, das Zeichen gibt, ihn abzusetzen. Er schenkt mir eine schöne gelbe Bienenwachskerze und bedankt sich herzlich. Das war ein guter Anfang, denn ich fahre in die Stadt, um in der Nacht mit Wacho meine Mutter am Flughafen abzuholen. In Georgien bedeutet das Mitnehmen eines Fahrgastes den Segen Gottes. Meine Schwiegereltern lächelten zufrieden, als sie vernahmen, dass ich einen Pfarrer dabei hatte.

Und dann ist also meine Mutter da. In Tbilisi, in den Strassen, die niemand meiner Familie je gesehen hat. Wacho und Margaret, wie er sie nennt, sehen sich zum ersten Mal. Wie oft wollte er in den vergangenen Jahren mit ihr reden, ihr sagen, sie solle mich holen kommen, ihr sagen, wie recht sie habe, mit mir böse zu sein.
Was soll ich erzählen von diesen wunderschönen Tagen? Kleine Dinge. Dass Mami und ich zusammen zu Goris Burgruine hinaufgingen, bei starkem kühlen Wind, die letzte Treppenstrecke geschafft und stehen im Tor zum Burgareal. Der Wind ist hier so stark, dass wir nicht mehr weiterkämpfen und lachend stehen bleiben. Dann raffen wir uns auf, legen uns wieder nach vorne in den Wind, und zwei Schritte weiter, im Gras des flachen Ruinenovals, fallen wir aus den Angeln. Windstille.
Im Strassencafé schauen wir auf geparkte Autos. Ob sie die Autos schon gesehen habe, die ohne Zahnfleisch? frage ich meine Mutter. Sie versteht nicht. Schau, da vorne ist eins. Das weisse Fahrschild hängt unten in schwarzer Leere, die Räder rechts und links stehen dunkel und nackt auf der Strasse. Keine Stossstangen, fortgeschrittene Parodontose. Ab dann sieht sie die eigenwilligen Brummer überall.
Zum grossen Tifliser Lebensmittelmarkt der Deserteure, so heisst er, gehen wir mit der Metro. Am Freiheitsplatz ist die Metro Teil der grossen Shopping Mall, die auch das Russische Theater beherbergt. Viele Leute, der Geruch ungewohnt, wir passieren die Ticketkontrolle und scharfe Kurve zu den Rolltreppen, drauf gesprungen, Mami fischt ihre Augen erschrocken aus der unerwartet tiefen Schlucht. Ja, hab ich komplett vergessen, Mamis Höhenangst, wie sie manchmal beim Schifahren plötzlich nicht mehr weiter den Hang runter kam. Ich steh eine Treppenstufe unter sie, um ihr die traumatische Sicht zu verstellen.
Und dann, als Abschluss, der Besuch beim Winzer im schroffen Vulkanfels, unweit von meinem Wohnort. Die Familie ist noch nicht zu Hause, der Grossvater zeigt uns alles, und ohne dass Mami die Sprache versteht, versteht sie aus seinen Bewegungen, wie hier Wein gemacht wird. Ganz ähnlich wie bei ihr zu Hause, damals, in den 50er Jahren. Wir geniessen den goldenen Wein und das köstlich frische Essen. Was das kleine Holzhüsli wohl sei, frage ich sie, als wir zum neuen Gebäude gehen, wo unsere Zimmer sind. Ein einfaches Klo? wundere ich mich weiter. Aber nein, nicht mit dem kleinen Kamin oben auf dem Dach, meint sie. Nunja. Am nächsten Morgen, bevor wir abfahren, frage ich den Grossvater. Er öffnet die Tür. Im Moment sind Quittenschnitze zum Trocknen drin, aber oben an einer Stange hängen Metallhaken. Zum Räuchern von Schweinefleisch, meint er. Meine Mutter nickt und lacht, das hab ich mir gedacht, sagt sie, das hatten wir auch. Und von unten wird gefeuert!

Höhlenstadt Vardzia, Kleiner Kaukasus:

Meine Mutter und ich im Fels der Höhlenstadt Vardzia, Kleiner Kaukasus, Georgien

Gedanken

Am Morgen blinzelt mir die Sonne wieder auf den Frühstückstisch, macht das Sofa an der Wand strahlend, und wenn ich am Schlafzimmer vorbei gehe, leuchtet es dort so hell, dass ich nicht nur an einem Morgen prüfte, ob das Licht noch brenne. Es ist Herbst. Die Trauben der Pergola sind süss, aber ich lass sie noch hängen, wie meine Nachbarn, damit sie noch süsser werden. Sie wollen den besten Wein, und ich den tollsten Traubensaft.
Die Schule hat exakt am 15. September begonnen. Es ist egal, ob es ein Montag ist oder nicht, in Georgien beginnt das Schuljahr genau Mitte Monat. Für die Kinder und Jugendlichen unseres Dorfes begann es chaotisch. Die Dorfschule, 1.-12. Klasse, war zu wegen Renovation, nur renoviert dort niemand. „Auf die Ausschreibung hat sich niemand gemeldet, man schreibt es nochmal aus“ erzählt mir Keti, das Nachbarsmädchen. Von vergangenem Februar bis Ende Schuljahr im Juni hatten die Kinder online Unterricht. „Wegen Renovation, die Heizkörper sind in dieser Zeit demontiert worden,“ so das Mädchen. „Der Autobuschauffeur, der uns am 15. nach Sasireti (ein paar Dörfer weiter) brachte, wetterte, er komme am Montag nicht mehr, er sei zu schlecht bezahlt.“ Jetzt fahren neun Marschrutkas, Kleinbusse, jeweils hin und her. Keti verdreht die Augen. „Unsere Schule ist besser. In Sasireti sind die Korridore so gross und die Schulzimmer ganz klein. Warum?“ Sie bläst eine Franse in die Luft. „Ich weiss es auch nicht“ erwidere ich konsterniert.

Kürzlich kam ich nach einer knappen Woche Tiflis, es war Literatur Festival, wieder zurück aufs Land. Ich fühlte, dass der lange Stadtaufenthalt meine Verbindung zum gewohnten Umfeld gekappt hatte. Die Fühler wieder ausstrecken. Auf dem Land bin ich so viel grösser. Die Bäume gehören zu mir, das Gras, der Wind. Wenn ich aus dem Haus gehe, ist der Raum noch immer mir, es gibt genug Platz, ich kann mich hinsetzen oder stehen bleiben, der Raum bleibt.
Anfang Oktober kommt mich meine Mutter besuchen. Zum ersten Mal, seit ich ausgewandert bin.

Leicht wie der Sommer

Gespielt in den renovierten Gassen der Tifliser Hügel oberhalb der heissen Schwefelbäder. Ein Liebeslied, dafür ist immer Saison, und in Georgien sowieso.

Bei den aktuellen Temperaturen würde ich ein Bad im Tifliser Meer empfehlen. Die Bilder sind von der Website des Tbilisi Yacht Club Restaurants La Côte

Das Tifliser Meer, so wird der See genannt, ist das grosse Wasserreservoir der Stadt. 1951 wurde die trockene Zone östlich, oberhalb von Tiflis, mit Wasser vom Bergfluss Iori geflutet. Die Sowjetregierung wollte mit diesem Projekt viel erreichen. Nicht nur ein Wasserreservoir sollte es sein, sondern auch das Tifliser Klima verändern. Die Hitze der Stadt sollte durch die entstehende Feuchtigkeit gesenkt und die staubige Luft gefiltert werden. Dies gelang, nach Entstehung des Sees soll sich die durchschnittliche Temperatur um 4 Grad gesenkt haben. Aber damit nicht genug. Ein Teil des Wassers lief in ein riesiges neues Bewässerungs- und Wassersystem für Landwirtschaft und Industrie, das bis zur südlichen Grenze mit Aserbaidschan reichte. Den Yacht Club gab es übrigens damals schon, und der Strand soll stärker genutzt worden sein als heute.

Auch in der Hügelkette nördlich des Sees klingen frühere Zeiten an. Die Ställe einer ehemaligen Kolchose sind leer, riechen jedoch sehr nach Tier. Weisse Fellfetzen, die sich hier und dort im Holz verfangen haben, lassen mich auf Schafe schliessen. Es ist Sommer, der oder die Besitzer sind bestimmt mit den Tieren unterwegs

Ehemalige Kolchose oberhalb des Tifliser Sees
Im ehemaligen Bus liegen Resten von Heu

Und noch ein ganz anderer Splitter. Toskana?

Toskana oder Tifliser Umland?

Gegen Abend

Oberhalb vom Dorf Ertatsminda schau ich in die Bergzüge des Grossen Kaukasus. Zumindest auf die vorderen Reihen, denn im Sommer liegen die hinteren, die mit den weissen Spitzen, meist im Dunst. Die Sommerwiese um mich herum duftet nach Violett, gelb werdendem Gras, reflektiertem Sonnenschein und dem Esel, der mitten im Feld steht. Schon hat er mich gesehen, dreht sich um, schnaubt und wiehert dieses Eselswiehern, das mich jedesmal verblüfft, es ist so hell und offen, und manchmal ist es menschenähnlich. Redet er mit mir? Die Antwort kommt von oben, Richtung Friedhof, hinter den Bäumen. Ich war also nicht gemeint.

Die Blumen verblühen bereits, ich befinde mich jetzt auf einer kleinen Wiese am Hang, bevor weiter oben die Bäume kommen. Sie ist voller Ringelblumen. Welch ein Glück, ich hab noch fast keine nach Hause genommen zum Trocknen, für Tee. Ich frage die Blumen ob ich darf, und nach einem gefühlten „Ja“ breche ich einigen den oberen Drittel ab. Ehrlich, wenn ich „Nein“ spüre, was vorkommt, dann lass ich es.

Ein Tierpfad führt mich unter den kleinen buschartigen kaukasischen Buchen hinauf auf eine Ebene. Schmale Maisfelder und geschnittene Grasflächen wechseln sich, gegen Norden schauend, ab. Ich stehe vor die Sonne und werde sichtbar

Hier ging der Weg runter zurück zum Dorf, oder besser gesagt, dessen Abkürzung. Ich dachte, das Foto mit den blau blühenden Blumen und Disteln im schattigen Vordergrund, und dem dahinter vom Abendlicht gelb leuchtenden Gras, würde nichts, aber die Mobilekamera hats automatisch ausgeglichen

Als ich fast unten bin, höre ich von oben Rufe. Ich blicke zurück und sehe viele Kühe, die auf unterschiedlichen Pfaden runter kommen. Erst bemerke ich keine Hunde, dann seh ich doch zwei. Ich befinde, dass ich vorwärts gehen sollte, nicht dass sie mich noch in den Hosenboden beissen. Die Strasse ins Dorf ist seit Neustem geteert. Ich spaziere also in der Mitte der schwarzen Bahn, dicht gefolgt vom Geräusch zockelnder Kühe und Hirtenrufen. Vorne, beim Dorfeingang, warten am Strassenrand Kinder auf der einen Seite, und auf der anderen, auf einem langen Steinblock sitzend, drei Frauen unterschiedlichen Alters. Alle schauen in meine Richtung. Bestimmt fragen sie sich, was ich mit den Kühen zu tun hätte. Spazieren, einfach zum Spazieren, ist in Georgien nämlich ziemlich unbekannt. Nun, vielleicht bin ich die neue Haupthirtin? Oder ich bringe eigene Kühe zurück, bin neu im Dorf? Ich bleibe bei ihnen an der Kreuzung stehen, und lasse die halb rennenden Kühe und Rinder vorbei, auch drei Büffel sind darunter. Im Hintergrund scheppert eine Strohpressmaschine. Ein neues Modell. Es ist stationär, schaufelt mit zwei nach oben herausragenden Armen das Stroh in sich hinein, das ihm der Mann mit der Gabel vor die Füsse wirft. Hinten kommt ganz langsam die Balle raus. Wie eine Geburt, Zentimeter für Zentimeter.

Und dann steh ich allein auf der Strasse. Geh ihr entlang, und da steht doch noch eine. Braun, mit einem dicken Bauch. Sie steht quer auf der Strasse und schaut mich an. Was soll ich sagen? Sie dreht sich um und geht vor mir. Sie ist chic. Hinter dem breiten runden Bauch endet oben spitz die Wirbelsäule, rechts und links davon spannt sich die Haut über die eher schmalen Hüftknochen. Ihr Hinterteil mit Schwanz zeichnet eine schmale Silhouette, die unten, bei den Klauen, in weicher Linie endet. Fehlt nur noch das Gucci-Täschchen. Das einigermassen volle Euter, oder vielleicht ist es voll, aber viel weniger prall als die Kuheuter in der Schweiz, schwingt neckisch vor den Oberschenkeln. Plötzlich biegt sie ab und ist nicht mehr da. Als ich zur Mauerecke komme, sehe ich, dass ein Fussweg zu einem Innenhof führt. Die braune Eisentür ist halb offen.

James Bond und koreanische Ladies

Schuhe werden in der Strasse verkauft, der Stand sieht aus wie ein Auto von James Bond

James Bond trinkt einen doppelten Espresso in der Cafébar, den Wagen hat er gleich davor abgestellt. Er ist auf Zwischenhalt in Gori.

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Seit April gebe ich ein paar Kindern aus der Nachbarschaft freundschaftlichen Unterricht in Englisch und Deutsch. Da lerne ich einiges, zum Beispiel, dass die kleinen Chicks von 9, 10 Jahren auf die Frauenband Blackpink stehen

Als eines der Mädchen Blackpink erwähnte, und dass das seine Lieblingsmusik sei, stellte ich mir vor, dass wir zusammen dem englischen Liedtext auf die Spur kommen könnten. Ich ahnte nicht, dass die Band aus Korea ist und auf Koreanisch singt! Im Untertitel ist Englisch zwar zu haben, aber der Text ist dermassen Schrott, dass ich das gestern spontan begonnene Projekt mit Blackpink in der Privatstunde wohl wieder fallen lassen werde. Oder ich finde eine andere Herangehensweise?

Noch eine Durchsage von Nini und ihrem Bruder Schalva, ich machte letztes Jahr eine kleine Reportage über sie. Schon hat sie die Zeit eingeholt und es ist nicht mehr möglich, mit rund 100 Kühen täglich in die grünen Wiesen oberhalb unserer Dörfer zu ziehen. Land wird verkauft und Zäune werden errichtet. Neu organisieren sich die Leute in kleineren Gruppen, im Turnus übernimmt jeweils jemand die Kühe der ganzen Gruppe, so viele Tage, wie man oder frau Kühe hat. Hast Du gewusst, dass in Georgien Kühe Frauensache sind? Früh aufstehen, misten, melken, Käse-, Yoghurt- und Quarkmachen, die Frau bestellts.

Autobiografie Festival Schweiz

Ich freue mich. Am Sa 2. Juli, 16-17 Uhr, werde ich aus meinen Autobiografie-Texten in Heiden, im Appizöll, lesen. Diese werden anschliessend besprochen. Ich aus meiner Küche in Garikula, Georgien, Du im Hotel Linden.
Mehr Info zum Festival https://www.autobiografiefestival.ch/

Beim Coifför

“Hier?” frage ich, zur offenen Tür des kleinen Raumes reinschauend. “Ja” sagt Wacho, eintretend. Auf dem letzten der drei Coiffeurstühle rechts sitzt ein junger Mann leicht aufgebockt. Eine reife gut genährte Frau mit silbrig-schwarzer Schleifen-Bluse ist mit seinen Haaren beschäftigt, und dreht sich zu uns um. “Ist die andere Frau da?” fragt Wacho. Die Frau nickt und macht mit dem Kopf eine Bewegung zur offenen Tür hinter ihr “Sie kommt gleich.” Ich soll den Rucksack abziehen und absitzen. Ich will mich auf den Stuhl neben dem jungen Klienten setzen, mit einer Armbewegung zeigt mir jedoch die Coiffeuse, dass ich mich auf den tieferen eckigen Stuhl gegen die Tür setzen soll. Geschäftigen Schrittes kommt die zweite Frau heran. Solide gebaut, blond gefärbte halblange Haare, mit einer grossen roten Schürze über Brust und schwarzen Hosen. Aufblickend schaut sie uns fragend an. Schnell ergreife ich das Wort, zeige gleichzeitig mit dem Finger das schmale halbrund über den Ohren und berühre das Genick “Ein bisschen über den Ohren und im Genick kurz schneiden.” Sie geht zum hinteren Tisch “Was kostet das?” fragt Wacho, “Acht Lari” antwortet sie, während sie sich bückt. Wir nicken, sie kommt zurück und ergreift sofort einen Rasierapparat und steckt diesem einen kleinen schwarzen Kamm auf. Setzt beim Ohr an und führt den Apparat bis über die Schläfe. Wacho verlässt den Laden und ich präzisiere, dass ich nicht die ganze Seite sehr kurz möchte, sondern nur nah der Ohrmuschel. “Gaiget?” (Verstehen Sie?) beende ich meine Worte “Ki, dzalian kargad gavige” (ja, ich habe sehr gut verstanden) sagt sie ohne aufzublicken “Was meinst du denn” höre ich im Unterton mit. Sie ist wie ein angefahrener Zug, der unabänderlich in die Gänge kommt. Auch die andere Seite kommt dran, dann hinten. Ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, wechselt sie den Apparat und setzt wieder an. Ich bin froh, dass sie nicht mehr ganz rauf fährt. Hinten auch, und wieder Apparatewechsel, wie bei der Formel 1. Noch ein bisschen kürzer gleich beim Ohr, wie ich das wünschte, gut macht sie das. Hinten seitlich raspelt sie die feinen kaum sichtbaren Härchen ab, sehr gut. Sie wirft das Gerät auf die Lade unterhalb vom Spiegel, der die ganze breite der Wand abdeckt. Schnappt sich eine mittelgrosse Schere, macht sich am Übergang zu den längeren Haaren oben zu schaffen. Schon ist sie ganz oben. Ein Zusammenziehen bei mir, der Atem stockt. Nun, den Pelz ein bisschen auflockern ist vielleicht gut. Die Schere schnappert. Es reisst immer wieder an meinen Haaren, die kleine Schraube, die die zwei Hälften der Schere zusammenhält, ist vermutlich nicht satt genug angezogen. Und schon fällt die Schere dumpf klingend auf die Ablagefläche. Die entschlossene Dame nimmt jetzt eine Rundbürste zur Hand. Wohl im Wunsch mich zu kämmen, schlägt sie meine Haare in die gewünschte Richtung. Wieder einen Rasierer. Aha, die Schläfen jetzt ganz ganz kurz, ist ok, ich sagte ja, ich möchte es sportlich. Nochmal ein Wechsel, nochmal drüber rasieren, und wieder der Griff zur Schere. Jetzt halte ich die Hand auf den Kopf “Ich möchte, dass noch was bleibt” sage ich bestimmt und lache gewinnend. Kurzes Auflachen einer Frau hinter mir. “Ich kann doch nicht die Dinge auf halbem Weg stehen lassen” sagt der Schnellzug in roter Schürze. Greift jetzt jedoch zum grossen runden Pinsel und schwingt ihn über meine Ohren, Genick, Stirn und Wangen. Wieder Wechsel, ein handgrosser Schwamm-Würfel. Fast sanft streicht sie über Nase, Ohrläppli, Stirn, Genick. Sie öffnet den Klettverschluss des schwarzen Nylonmantels, der um meinen Hals gebunden war, und zieht ihn mit Schwung zurück. Zorro machte das auch so. Ich sage danke, sie nimmt es geschäftig hin, stehe auf; sie winkt die Frau von hinten, mit den langen braun gefärbten Haaren, auf den Stuhl. Ich nehme 50 Lari aus dem Portemonnaie und strecke sie ihr hin. Mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers pocht sie zwei Mal unmissverständlich auf die Oberfläche des kleinen Holztisches in der Mitte des Raumes. Ich lege die Note auf den Tisch. Sie setzt sich, nimmt die Handtasche hervor, öffnet den Reissverschluss, zückt die Brieftasche, streckt mir zwei Zwanzigernoten entgegen und öffnet das Kleingeldfach. “Zehn ist gut”, sage ich, “Kargia” (es ist gut). Sie blickt auf und zwei unerwartet weiche braune Augen schauen mich an, fast zärtlich. “Madloba” (danke), sagt sie, wie im Durchzug.