Hin und weg

Hin und weg waren wir, als letzten August klar wurde, dass das SRF zu uns nach Georgien kommen würde! Und Anfang Oktober standen sie bereits vor der Tür: Samuel, Mona und Dominik. Es wurden 5 sehr schöne Tage.

Wacho und ich bekamen die Chance Georgien und unser kleines Reiseunternehmen Georgien WB Tours vorzustellen. Und natürlich auch uns selber. Dass ich während diesen 5 Tagen gut geschlafen hätte, wäre gelogen 🙂

Das Produktionsteam hatte die wunderbare Gabe, in kurzer Zeit Vertrauen und Beziehung zu schaffen. Es war eine unvergessliche Erfahrung. Vielen Dank dafür.

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Von links nach rechts: Samuel Bürgler, Produzent und 2. Kameramann, Brigitte, Wacho, Mona Vetsch, Moderatorin und Verantwortliche für den Inhalt, Dominik, 1. Kameramann.

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Wine in the City

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Darf ich vorstellen, georgischer Amberwein.

An Ostern hat dieses Kind, wie die GeorgierInnen den Jungwein nennen, zum ersten Mal Tageslicht erblickt. Und auch typisch georgisch, von einem Kind wird der erste Tropfen geschöpft

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Aber von vorne. Wir sind mitten in Tiflis, Quartier Saburtalo, auf dem Hügel Bachtrioni. Der Hügel wurde ab den 70/80ern, Sowjetzeit, besiedelt. Wir sind vor einer Garage versammelt
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Das heisst, es war mal eine Garage. David Chikhladze (Tschichlaze) baute sie vor fünf Jahren zu einem Marani, einem Weinkeller, um. Der Architekt, der mittlerweile erfolgreicher Winzer ist, stockte unter dem Garagenraum noch zwei Etagen in den Hang hinein auf, inkl. Terrassen
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David hat die Bodenplatte weg genommen und sichtbar wird der Kopf des Qvevris, der das „Kind“ sechs Monate hat in sich reifen lassen. Knappe zwei Meter hoch, im Durchmesser 1,50 m, birgt er in seinem Bauch 500 l der weissen Traubensorte Kakhuri Mzwane (=Kachetischer Grüner) .

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Sommelier Zaza, der diesen schönen Event eingefädelt hat, prüft die Farbe des Neugeborenen.  Links von ihm ein Gast aus Frankreich, ebenfalls Sommelier. Für den Jungwein bedeutet es Zwischenstation. Er wird später in einen neuen Qvevri umgefüllt, wo er sich weitere 6 Monate entwickelt.

Die Farbe Amber entsteht dadurch, dass die Gärung inklusive der Traubenstiele, -Kernen und -Haut verläuft. Später senkt sich das Material auf den Qvevriboden, eine natürliche Filterung findet statt. Diese Technik ruft eine gute Portion Tannin auf den Plan, zum Essen kann man da unzimperlich auffahren. Rezenter Schafskäse passt gut, Oliven, Gurken, und als Hauptgang, das muss in Georgien so sein, Fleischspiesse (Mzwadi) vom Grill. Die internationale Tischrunde ist schon ziemlich ausgelassen, auch ein Sänger wurde gefunden
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Gagimartschos! Zum Wohl, oder eigentlich: Sieg! Denn in Gagimartschos liegt das Wort Gamartschweba, Sieg. Wie auch im Wort Gamartschoba, was Guten Tag bedeutet. Hm, eine kämpferische Nation.

Es blüht in Zentralgeorgien

Dieses Wochenende bin ich in der zweiten Runde Ostern, die Orthodoxen feiern. Gestern habe ich mir einen Tag Meditation gegönnt, ich bin heute also einigermassen verlangsamt.

Am vergangenen Ostermontag machten wir einen Ausflug in die Region von Gori, dem Städtlein wo Mister Stalin aufwuchs. Wir wollten schon lange mal die Atenischlucht/-tal erkunden, die nicht nur landschaftlich punktet, sondern auch eine reiche Geschichte hat und sehr guten Wein hervorbringt –  er wächst auf stark eisenhaltigem Vulkangestein.

das Weingebiet Ateni, Zentralgeorgien

Me isch in dä Rääbe
die Pflege der Reben im Frühjahr, Georgien

Nah der Kirche Ateni-Sioni aus dem frühen 7. Jhdt prüfen auch die Mönche, wie’s heuer aussieht
die meisten Kloster in Georgien haben auch Wein

Die Weissen Trauben Chinuri (Tschinuri) und Goruli Mzwane (=gorischer Grüner) eignen sich hervorragend auch für den Champanuri, georgischen Sekt. Bei den Roten sind hier die Sorten Tavkveri, Shavkapito und Saperavi am meisten verbreitet. Wir gingen zwei Winzer besuchen, und genossen die blühende Natur in vollen Zügen
die Bienen fliegen aus, es blüht leuchtend in der Atenischlucht

der Fluss Tana schlängelt sich durch die neu erwachte Natur

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Abenteuer. Mal ganz langsam.

Das geht nicht. Nicht erlaubt. Und viel zu gefährlich. Trotzdem hat mich Wacho am letzten Sonntagmorgen zur Marschrutkastation gebracht, wo’s Richtung Osten geht. Drei Tage allein wandern, das war mein Wunsch. Der übliche ÖV-Kleinbus (Marschrutka) war nicht da, dafür ein PW, der für ein paar Lari noch einen Platz frei hatte. Rein gesessen und ab die Post. Bis Gurdschani (Gurjani), zur Abzweigung Richtung Süden, David Garedscha (Gareja). Ja, nochmals das Udabnogebirge. Diesmal wirklich ganz zu Fuss, von Anfang an.

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An den Häusern, die von Gurjani in die Iori-Ebene führen, war ich bis jetzt immer vorbei gerauscht, jetzt hatte ich Zeit zum Güggele und Staunen. Langsam ist schön. Und ich merkte, dass sich die Ebene ganz schön zieht –

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Ein gut geladener Lada, ein Nutzesel. In Ostgeorgien oft anzutreffen.

Die Strasse war nicht stark befahren. Mein Anblick mit Rucksack musste ungewöhnlich gewesen sein, denn oft hielt man ungefragt neben mir oder auch wenn ich weiter im Feld war. Ob man mir helfen könne? Ob alles in Ordnung sei? Ein Stück mitfahren? Lange wehrte ich dankend ab, bis ich merkte, dass ich niemals beim Dorf Udabno, dem geplanten Übernachtungsort, ankommen würde mit meiner Spaziererei. So kletterte ich denn bei Gio, dem Lastwagenfahrer aus Gurjani, ins Führerhäuschen. Er war mit einer Ladung Beton unterwegs, und ich stieg wieder aus, als er von der Hauptstasse abbiegen musste.

Gute Hirtenhunde sind nicht immer sehr nett zu vorbei Wandernden

Davon gibts im Moment im Süden Georgiens viele. Da der Grosse Kaukasus noch verschneit ist, weichen die Hirten mit ihren Schafherden nach Süden aus. Vor den Hunden wurde ich immer wieder gewarnt und ich begegnete ihnen mit Respekt. Diese zwei leckten mir nach kurzer Zeit die Hand und fanden mich dann nicht mehr interessant. Bei den zwei Bauernhöfen, die ich passieren musste, nachdem ich bei Gio ausgestiegen war, wurde es jedoch einigermassen brenzlig. Ein fetziges Bellen und ein tiefes, röhriges Knurren aus tiefster Seele kam von der Seite immer näher, drei Stück und Brigitte, die den Blick vor sich auf die Strasse heftete und einen Schritt nach dem anderen machte. Mein Atem war laut, aber keine beklemmende Angst. Nach wenigen Sekunden war es zu Ende und sie zogen ab. Uff.

Die Ebene war überstanden und es ging aufwärts in die Weiten des Udabnogebirges
Blick nach Westen, der kleine See ist salzig und riecht je nach Wind leicht nach Schwefel

Nicht gut sichtbar, aber der weisse Streifen unter dem Himmel sind die Schneespitzen des Grossen Kaukasus im Norden!
Sicht vom Udabnogebirge nach Norden zum Grossen Kaukasus mit Schneespitzen

Am zweiten Tag traf ich zwei Schafherden, deren aserbaidschanische Hirten ohne Hunde unterwegs waren. Ei, das war schön, Teil des bläkenden Rummels zu werden! (klick in die Bilder, dann hast Du sie gross).

 

 

Für genau diese delikate Farben liebe ich das Udabnogebirge. Ich wanderte lange auf dieser Hochebene, ohne einer Menschenseele zu begegnen
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Und war dann doch froh, als mich plötzlich Motorengeräusch aus einer selbstvergessenen Pause aufwirbeln liess. Ein russisches Pärchen, das von Moskau mit dem 4×4 nach Georgien kam, geriet dank ihrem phantasievollen Navi auf diesen Weg. Was für eine Überraschung im Niemandsland eine Schweizerin aufzulesen!

Wieder Zivilisation. Der Jandarasee als Abschlussbouquet, seine Mitte birgt die Grenze zwischen Georgien und Aserbaidschan. Hier gäbe es viele seltene Vögel zu beobachten, ich las einen Bericht von finnischen Vogelkennern, die letztes Jahr hier waren.

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Zivilisation ja, Tourismus nein. Als ich Ranes, der an der Strasse stand, nach einem Familien-Guestouse fragte, wusste er darauf keine Antwort. Er bat mich in seinen Garten und rief seinem Sohn, der Englisch könne. Es brauchte kein Englisch. Als seine Frau Chito lächelnd aus dem Haus kam, war klar, dass ich bei ihnen übernachten werde. Wie wunderbar unkompliziert. Die drei Tage haben sich gelohnt! Reich beschenkt kam ich nach Hause.

Wein in Georgien

Letzten Oktober erzählte ich von der georgisch-traditionellen Produktionsart von Wein, übrigens UNESCO Weltkulturerbe. Es ist sehr spannend, was sich zur Zeit in der georgischen Weinszene tut. In der Schweiz noch fast ganz unbekannt, erfährt der Qvevri-Wein/Naturwein jedoch international einen Boom. Am 11. und 12. März war in London eine RawWine Messe, acht georgische Winzer waren dabei, viele aus Frankreich und Italien und 1 auch aus dem Wallis, Salgesch! Albert Mathier entdeckte vor rund 10 Jahren in Georgien den Qvevri-Wein und hat jetzt je einen roten und einen orangen Naturwein in seiner Produktelinie.

Kürzlich war ich unweit von Tiflis bei einem Winzer, der ebenfalls Naturwein macht. Er ist aus dem französischen Jura, lebt hier jedoch schon lange mit georgischer Frau und Kindern. Er erzählte mir, dass sein Bruder seit einiger Zeit zum Händlier mutiert sei. Aus Frankreich habe er für die Wintersaison eine Ladung Skis zum Verkaufen gebracht – von Georgien zurück sei der Transporter ebenfalls gut geladen gewesen, mit Qvevris! Nachdem das Handwerk des Qvevrimachens lange out war, sind plötzlich gute Spezialisten sehr gesucht.
Et voilà, hier wird ein Qvevri gepflanzt

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Georgien. Bildquelle: Veniceclayartists

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Ob hier wohl der besagte Bruder auf dem Weg zurück nach Frankreich ist?

Und noch was. Da so mitten im Geschehen zu sein hat mit mir was gemacht. Ich gehe neuerdings an geführte Weindegustationen. Mich hat’s gepackt, ich will mich da reinschmecken. Will wissen. Und unterscheiden können. Jede Region Georgiens hat ihre eigenen Traubensorten, z.T. ihre eigene Machart. Es gibt auch Regionen wie z.B. der Südwesten, da beginnt man erst wieder. Nach 300-jähriger Besetzung durch die Türken (Osmanen) war da gar nichts mehr von der ehemals reichen georgischen Weinkultur. Der junge Winzer Natenadze sucht dort seit Jahren nach Weinreben, die im Wald überlebt haben. Diese wachsen so wie’s wohl ursprünglich mal gedacht war: die Bäume rauf! 40 Sorten hat er mittlerweile gefunden, 24 davon konnter er identifizieren.

Bijou im Treppenhaus

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Ich bin nach wie vor verliebt in die tifliser Treppenhäuser! Zwar manchmal ganz schön rau, aber für mich oft eine Augenweide.
Diese Trouvaille habe ich im 2. Stock, auf dem Weg zu Irmas Wohnung gemacht. Irma und ich haben ein Austauschprojekt: Sie frischt mit mir ihr Deutsch auf, und ich vertiefe mit ihr mein Georgisch. Kommt sie zu mir, beginnen wir mit Deutsch. Geh ich zu ihr, ist zuerst Georgisch dran. Wir machen das ganz unkompliziert. Wer jeweils in der Lernrolle ist, bestimmt selber um was es geht. Diese Art von Lernen entspricht mir sehr – spannend und genussreich!