Friede und Glück fürs 2020

wünsche ich Dir von Herzen.

Der Dashbash Canyon ist ein toller Ausflugsort, rund 2 Std von Tiflis entfernt
Dashbash Canyon, südliches Zentralgeorgien, mit georgisch-orthodoxer Kapelle aus dem 10. Jh.

Zum Neuen Jahr wünschen sich die GeorgierInnen „mravals daeszarit!“ „Mögen noch viele Jahre kommen!“ Das typische traditionelle Lied fürs neue Jahr „Mravaljamieri“ kann ganz ähnlich übersetzt werden. Es singt der Chor Kartveli Khmebi – Georgische Stimmen, aus der Region Gurien

Von den Singfrauen Winterthur und den Singfrauen Berlin hörst Du „Lale“, ein georgisches Lied voller Lebensfreude. Solistinnen: Tamar Buadze und Karina Samuel

Gedanken zu den 50

Vorgestern hatte ich Geburtstag, ich wurde 50. Ist es ein Tabu 50 zu werden? Es schien mir, frau darf es zwar werden – aber die Zahl – die muss gewaltig was im Gepäck haben, die spricht niemand aus. Auch geschrieben geht nicht. Ich bin einverstanden, die 50 ist komplex, aber es gibt für mich Nichts, das dazu nicht ausgesprochen werden könnte.

Richtig, ich verstehe nicht, was die Fältli in meinem Gesicht sollen. Völlig unnötig, für nichts zu gebrauchen. Dass ich extra zur Coiffeuse gehen muss um meinen Haaren zu zeigen, wie sie farblich spriessen sollten, find ich auch eher mühsam. Zumal sie überhaupt nicht intelligent sind. Mit der Zeit sollten sie doch verstanden haben, dass ihr Weissprogramm nicht gewünscht ist. Aber nicht die Spur von Selbstoptimierung.
Vergiss nicht, dass ich in Georgien lebe. Graue Haare bei Frauen sind hier ein klares Indiz für Ungepflegtheit. Und die Schweizerin, die sowieso genug Geld hat! Da gibts kein Pardon. Wobei ich sagen muss, mit farbvollen Haaren fühle ich mich tatsächlich wohler als mit farbleeren.

Aber egal wie man äusserlich durch die Strassen geht, ich finde mit 50 hat man noch ganz andere Verantwortungen. Letzten Winter hab ich ein kleines Bild, das am Kamin meines Vaters hing, nach Georgien mitgenommen: Die Tessiner Berge, der See, und ein Boot. Das starke helle Blau, das in Himmel, Bergen und Wasser so präsent ist, könnte sprühender und lebendiger nicht sein. Das Boot jedoch wartet.
Es wurde für mich zum Symbol für den Tod. Nicht nur mein Vater hat gehen müssen, auch mich wird das Boot eines Tages oder Nachts mitnehmen. Mit 50 sehe ich mich in der Verantwortung, meine mir noch verbleibende Lebenszeit adäquat zu gestalten. Mir und meinem Umfeld gerecht zu werden. Das braucht Mut, merke ich.

Mein Rezept geht so: Liebevolles Hinschauen und beharrliches Dranbleiben. An mir selber und es zulassen, keine Ahnung zu haben. Und genau der Ahnung folgen. Jeder Schritt wie ein Schritt aus dem Fenster. Einfach machen.

Zum Beispiel: Nach zwanzig Jahren wieder Farben kaufen. Pinsel und genug Papier. Kunstbücher aus dem Kasten holen.
Auf der grossen weissen Fläche entsteht ein Vogel. Ein Falke, oder was am Ende des Prozesses auch immer Gültigkeit reklamiert. Interessant, wie sehr ich das Gefühl hatte, das hätte in meinem jetzigen Leben keinen Platz. Und wie einfach es dann war, mit Wacho alles zu besorgen. Wie mühelos ich dafür in unserer Wohnung einen Ort fand und wie leicht mir die ersten Bleistiftstriche fielen.

Und in was anderes bin ich kurzum reingestolpert. Französische Humorist*innen! Es ist ja ein Phänomen, dass ich mich in der Ferne, in Georgien, so wohl fühle in der französischen Sprache. Es ist wie heimkommen, aber eben nicht ganz. Eine wundersame Variante.

Gad Elmaleh

Florence Foresti

Gad Elmaleh und Jamel Debouzze

Weihnachten ist weit

Pfarrer der Georgisch Orthodoxen Kirche

In den georgischen Medien dreht sich das Rad der Skandale unaufhörlich. Ohne dass etwas gelöst würde, ohne dass über weitere Entwicklungen berichtet würde. Schlag auf Schlag lösen sich die Skandale von Politik und Gesellschaft ab – neuerdings ist auch die Kirche mit von der Partie.

Als König Tamar Ende 12. Jh. als junge Frau (die männliche Bezeichnung „König“ ist den Georgier*innen in diesem Falle wichtig, sie soll verdeutlichen, dass Tamar die Landesverantwortung hatte) die Regierung Georgiens übernahm, kämmte sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen die Reihen der Kirchenvertreter rigoros durch. Kirchenvertreter gehörten zu ihrem engsten Beraterkreis, sie brauchte gute Leute. Dass die Georgisch Orthodoxe Kirche in letzter Zeit selber schmutzige Wäsche wäscht, ist für mich Zeichen dafür, dass viel Personal an die frische Luft geschickt werden müsste. Auch auf Reisen, das würde den Horizont weiten.

Osternacht in Tiflis, 2019

Als Anfang November in Tiflis der Film „And Then We Danced“ (siehe mein Beitrag vom 11.6.19) ins Kino kam, war es für mich kaum zum Hinören und -sehen. Die Kinogänger*innen mussten von der Polizei gegen Demonstrierende geschützt werden. Hier ein Artikel dazu in der New York Times, vom 6.12.19.

Auf den Filmskandal kamen schlags die Behauptungen eines georgischen Bischofs, der die Kirche der Pädophilie und Homosexualität beschuldigte. Auch das georgische Kirchenoberhaupt, Patriarch Ilia der Zweite, bekam das Bild der Homosexualität aufgedrückt, das war die Krönung. Gefolgt von einem Skandal aus dem politischen Umfeld – und der nächste Skandal ist schon auf dem Absprung. Und nichts wird gelöst, nichts geklärt. Wenn alles und alle miteinander verklüngelt sind.

Knabe zündet Kerzen der Hoffnung an. Ostern in Tbilisi

Fotos von Rene Pfluger, siehe weitere Arbeiten von ihm im Beitrag vom 23.5.19.

მადლობა დიდი!

Das Truso-Hochtal auf 2100 m fasziniert mit seiner archaischen Atmosphäre
Truso Hochtal, Grosser Kaukasus, Mai 2019

Es ist Zeit, Danke zu sagen. Unseren Gästen, die diese Saison so zahlreich kamen. Die uns vertrauten. Die mit uns, Georgien WB Tours, Georgien bereisten. In der dritten Saison ausgebuchte Touren zu haben, ist ein tolles Erlebnis.
Für Wacho und mich waren es bewegte Monate: Er hatte Anfang Mai eine sehr heikle Krebsoperation (sie verlief erfolgreich) und konnte fast die ganze Saison nicht mit dabei sein – während ich ins kalte Wasser sprang und die Touren alleine leitete, mit toller Unterstützung unserer zwei Fahrer.

Die Erfahrung von Freundschaft und Verbundenheit sind für mich die schönsten Elemente auf unseren Reisen. Zusammen – in aller Verschiedenheit – neues Terrain entdecken, das fägt. Wie viel haben wir gelacht und genossen. Vertrauensvolle Gespräche geführt. All das nehme ich mit in die Wintermonate. Madloba didi.

In den Sommermonaten sind im Grossen Kaukasus viele Schafherden anzutreffen
Truso Hochtal, Juli 2019
Die Archaik dieses Hochtals nach zur russischen Grenze ist sehr berührend
Truso Hochtal, Sept 2019 (Foto von Reto Pauli)

Herbst

Jetzt, erst jetzt, kommt zu uns das kühle Wetter. Im November hatten wir nochmals während zehn Tagen 20°C – die ich im Bett verbrachte. Wir waren auf Reko in Ostgeorgien für eine geplante Weintour, und ich kam mit einer Lungenentzündung zurück. Für Wacho und seine Familie bin ich punkto Krankheit nicht von dieser Welt. Ich war in meinem Schweizerleben dermassen wenig krank, dass ich damit einfach keine Erfahrung habe. Ich konnte nicht spüren, dass ich Lungenentzündung habe. Eine Erkältung und das geht vorbei, dachte ich. Für die Chvitschias bin ich dickköpfig. Wie kann man nicht zum Arzt gehen?! Sagten sie. Nun, dieses Jahr hab ich bereits meine zweite Antibiotikakur hinter mir. Und die Chvitschias hatten 2x recht.

Dabei wollte ich für Dich doch eine schöne Reportage über das Alasani-Wein-Tal machen. Hier eine Version, die meinem Gesundheitszustand gerecht wird, ok?

Telavi ist Zentrum des Weingebietes Alasanital in Ostgeorgien
Telavi, Hauptstadt Ostgeorgiens, im Hintergrund das Gebirge des Grossen Kaukasus
Frauen treffen sich beim Markt und tauschen sich aus
Trauben (die berühmte Sorte Rkaziteli), Nüsse und Käse werden feil geboten
Früchte und Gemüse in der warmen Herbstsonne
Markt in Telavi, und ja, ich lebe noch
Brigitte Renz auf dem Markt in Telavi
Baumpilze werden in Georgien gerne gegessen
„Baumforellen“ werden diese Pilze genannt, sie sind in der georgischen Küche sehr beliebt