Beim Coifför

“Hier?” frage ich, zur offenen Tür des kleinen Raumes reinschauend. “Ja” sagt Wacho, eintretend. Auf dem letzten der drei Coiffeurstühle rechts sitzt ein junger Mann leicht aufgebockt. Eine reife gut genährte Frau mit silbrig-schwarzer Schleifen-Bluse ist mit seinen Haaren beschäftigt, und dreht sich zu uns um. “Ist die andere Frau da?” fragt Wacho. Die Frau nickt und macht mit dem Kopf eine Bewegung zur offenen Tür hinter ihr “Sie kommt gleich.” Ich soll den Rucksack abziehen und absitzen. Ich will mich auf den Stuhl neben dem jungen Klienten setzen, mit einer Armbewegung zeigt mir jedoch die Coiffeuse, dass ich mich auf den tieferen eckigen Stuhl gegen die Tür setzen soll. Geschäftigen Schrittes kommt die zweite Frau heran. Solide gebaut, blond gefärbte halblange Haare, mit einer grossen roten Schürze über Brust und schwarzen Hosen. Aufblickend schaut sie uns fragend an. Schnell ergreife ich das Wort, zeige gleichzeitig mit dem Finger das schmale halbrund über den Ohren und berühre das Genick “Ein bisschen über den Ohren und im Genick kurz schneiden.” Sie geht zum hinteren Tisch “Was kostet das?” fragt Wacho, “Acht Lari” antwortet sie, während sie sich bückt. Wir nicken, sie kommt zurück und ergreift sofort einen Rasierapparat und steckt diesem einen kleinen schwarzen Kamm auf. Setzt beim Ohr an und führt den Apparat bis über die Schläfe. Wacho verlässt den Laden und ich präzisiere, dass ich nicht die ganze Seite sehr kurz möchte, sondern nur nah der Ohrmuschel. “Gaiget?” (Verstehen Sie?) beende ich meine Worte “Ki, dzalian kargad gavige” (ja, ich habe sehr gut verstanden) sagt sie ohne aufzublicken “Was meinst du denn” höre ich im Unterton mit. Sie ist wie ein angefahrener Zug, der unabänderlich in die Gänge kommt. Auch die andere Seite kommt dran, dann hinten. Ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, wechselt sie den Apparat und setzt wieder an. Ich bin froh, dass sie nicht mehr ganz rauf fährt. Hinten auch, und wieder Apparatewechsel, wie bei der Formel 1. Noch ein bisschen kürzer gleich beim Ohr, wie ich das wünschte, gut macht sie das. Hinten seitlich raspelt sie die feinen kaum sichtbaren Härchen ab, sehr gut. Sie wirft das Gerät auf die Lade unterhalb vom Spiegel, der die ganze breite der Wand abdeckt. Schnappt sich eine mittelgrosse Schere, macht sich am Übergang zu den längeren Haaren oben zu schaffen. Schon ist sie ganz oben. Ein Zusammenziehen bei mir, der Atem stockt. Nun, den Pelz ein bisschen auflockern ist vielleicht gut. Die Schere schnappert. Es reisst immer wieder an meinen Haaren, die kleine Schraube, die die zwei Hälften der Schere zusammenhält, ist vermutlich nicht satt genug angezogen. Und schon fällt die Schere dumpf klingend auf die Ablagefläche. Die entschlossene Dame nimmt jetzt eine Rundbürste zur Hand. Wohl im Wunsch mich zu kämmen, schlägt sie meine Haare in die gewünschte Richtung. Wieder einen Rasierer. Aha, die Schläfen jetzt ganz ganz kurz, ist ok, ich sagte ja, ich möchte es sportlich. Nochmal ein Wechsel, nochmal drüber rasieren, und wieder der Griff zur Schere. Jetzt halte ich die Hand auf den Kopf “Ich möchte, dass noch was bleibt” sage ich bestimmt und lache gewinnend. Kurzes Auflachen einer Frau hinter mir. “Ich kann doch nicht die Dinge auf halbem Weg stehen lassen” sagt der Schnellzug in roter Schürze. Greift jetzt jedoch zum grossen runden Pinsel und schwingt ihn über meine Ohren, Genick, Stirn und Wangen. Wieder Wechsel, ein handgrosser Schwamm-Würfel. Fast sanft streicht sie über Nase, Ohrläppli, Stirn, Genick. Sie öffnet den Klettverschluss des schwarzen Nylonmantels, der um meinen Hals gebunden war, und zieht ihn mit Schwung zurück. Zorro machte das auch so. Ich sage danke, sie nimmt es geschäftig hin, stehe auf; sie winkt die Frau von hinten, mit den langen braun gefärbten Haaren, auf den Stuhl. Ich nehme 50 Lari aus dem Portemonnaie und strecke sie ihr hin. Mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers pocht sie zwei Mal unmissverständlich auf die Oberfläche des kleinen Holztisches in der Mitte des Raumes. Ich lege die Note auf den Tisch. Sie setzt sich, nimmt die Handtasche hervor, öffnet den Reissverschluss, zückt die Brieftasche, streckt mir zwei Zwanzigernoten entgegen und öffnet das Kleingeldfach. “Zehn ist gut”, sage ich, “Kargia” (es ist gut). Sie blickt auf und zwei unerwartet weiche braune Augen schauen mich an, fast zärtlich. “Madloba” (danke), sagt sie, wie im Durchzug.

Wie bei den Italienern

Italienisches Restaurant in Tiflis, Quartier Saburtalo
Die letzten drei Wochen schneite es in Tiflis fast täglich. Das gab’s im März seit 30 Jahren nicht mehr; hier ist März gleichgesetzt mit Frühlingsanfang. Auf dem Land, wo viele noch mit dem Holzofen heizen, war da und dort ein ungeplanter zusätzlicher Gang in den Wald nötig, um das Holz aufzustocken.
Und ja, der Cousin aus Italien ist noch nicht angekommen.

Das Haus

Im letzten Herbst machte ich ein Foto von einem Haus. Es hat drei Stockwerke, ist weder fertig gebaut, noch verputzt. Backsteine verschiedener Grössen und Farben wurden vermauert. Zur breiten Öffnung des Eingangs, der einen Meter über dem Boden liegt, gibt es keine Treppe. Es quellen Strohballen raus. Ganz zuoberst eine mit zwei dunklen Augen; sie lächelt süss. Als wärs ein pfausbäckiges Mädchen, das dahinter steht. Rechts und links gibt es je ein Fenster. Sie sind nicht gleich gross, aber ungefähr bündig mit der oberen Linie des Eingangs. Sie sind verglast und mehrfach unterteilt durch helles Holz. Beim linken Fenster fehlt über der oberen Kante eine Reihe schmaler Backsteine. Ein Vogel sitzt dort. Er hat einen orangen Schnabel. Im zweiten Stock, in Georgien ist der erste Stock der zweite Stock, weil das Erdgeschoss der erste Stock ist, wiederholt sich die Situation. Nur dass die Tür viel schmaler ist. Sie macht einen Drittel der unteren Türöffnung aus. Das kann ich gut sehen, denn rechts und links davon sind das erste und dritte Drittel mit ganz flachen dunkelroten Backsteinen gemauert. Die Fenster sind gleich angeordnet wie unten, sie stimmen in der Linie jedoch exakt mit jener der schmalen Tür überein. Ja, es gibt eine Tür. Sie ist aus hellem Holz. Unter der geschlossenen Tür wagt sich eine dünne Schicht Beton in die Luft. Es ist nicht klar, ob der Vorsprung wirklich aus Beton ist. Kein Geländer. Einmal war ich in einem kleinen Familienhotel in den Bergen; das Fenster meines Zimmers ging bis zum Boden, und ich konnte den Berg Kasbek sehen. Als ich das Fenster öffnete, wäre ich mit einem Schritt in den Garten gesegelt.
Nächtens steht auf dem Vorsprung eine Gestalt in langem Nachthemd und weisser Mütze. In der Hand einen goldfarbenen Kerzenhalter, in der Form eines Blütenkranzes; eine Kerze leuchtet. Vom Dachstock geht ein dickes Seil weg. Es ist an eine der tragenden Metallstangen geknüpft und führt zum nächsten grossen Baum. 

Damals

Die Region Kartlien, wo ich lebe, war von Anfang 17. bis Mitte 18. Jh. unter Persischer Besatzung. Die georgischen Königsfamilien, in Kartlien gab es deren zwei, es rivalisierten die Bagrationi mit den Muchrani, hatten weiterhin die Exekutive inne, jedoch ohne eigene Entscheidungsmacht. Während dieser 150 Jahre gab es Vize Konsuln, so hiessen die Königsvertreter, die sich sehr anpassten, bis zur Konvertierung zum Islam, was jeweils von persischer Seite reich belohnt wurde; und solche, die sich widersetzten, bis hin zu Revolten. Georgische adlige Frauen wurden oft von Persern von Stand geehelicht, was eine teilweise Durchmischung der Gesellschaft zur Folge hatte. In meiner Umgebung heissen zwar viele am Schluss Schwili, Kind, aber der vordere Teil des Nachnamens tönt nicht so sehr georgisch, nicht mal für meine Ohren. Auch hab ich hier noch in keinem Haus diese für mich typisch georgische Ecke mit Heiligenbildchen an der Wand gesehen. Bis Georgien im 17. Jh. von den Osmanen und Persern unter sich aufgeteilt wurde, der Westen wurde türkisch, der Osten persisch, war das Land im 16. Jh. Schlachtfeld der beiden Mächte.

Über den Fluss, im nördlichen Hügelzug, der unser Dorf vor dem Westwind schützt, der oft über die nachgelagerte schmale Hochebene fegt, hat es Höhlen. Bei osmanischen oder persischen Angriffen zog sich die Bevölkerung vor 500 Jahren in die Höhlen und den Fels zurück und bereitete von dort die Verteidigungsangriffe vor. Hoch auf der Krete gibts noch heute eine Kapelle, und rundherum auf dem Boden, wie verstreut, uralte Grabsteine.

Fürs Neue Jahr

Wünschen Dir Brigitte und Wacho

Einen immer mit Kohl gefüllten Wagen.
Dass Du Deine Winterjacke nie opfern musst.
Immer genug Haare.
Überlegtheit bei Deiner nächsten Elektro-Installation.

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Und ein Liebeslied aus der Region Gurien, nah der Küste,

mit einem herzhaften Jodel. Wir vermissen Dich.

Klein und unerwartet

Gori, die Hauptstadt unserer Region, liegt 24 km westlich von uns. Sie ist in einer hübschen Fahrt durch Dörfer erreichbar, die im schmalen Hochtal zweier Hügelketten des Trialeti-Gebirges liegen. Die nördliche Hügelkette ist felsig, ich tippe auf stark erodierten Kalk-Sandstein, ich kann mich nicht satt sehen an den zerrissenen Felsen in wechselndem Licht. Die südliche Kette ist bewaldet. Gori hat rund 45 tausend Einwohner*innen und ist sowohl geschichtlich als auch visuell ein sehr reizvoller Ort. Das finde ich jedoch erst, seit ich in der Nähe wohne und mir auf meinen Besuchen Zeit nehme, um stehen zu bleiben und zu staunen. Vorher war es für mich ein verschlafenes Kaff, in dem Stalin geboren wurde.

Alles ist rund um den Festungshügel angeordnet. Unter dem Namen Tontio taucht er im 7. Jh. in georgischen Urkunden erstmals auf; archäologische Forschungen ergaben, dass sich darunter Überreste einer noch älteren Befestigungsanlage, datiert 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr., befinden sollen. Die Burgruine wurde kürzlich renoviert, Arbeiten am Hügel ausserhalb der Festungsmauern sind immer noch im Gange. Als ich die Bagger sah, bekam ich Angst, dass sie die Skulptur, die mir so gefällt, eingewalzt hätten

Aber nein, sie war noch da. WK II. Bei diesem Thema angelangt, komm ich gleich auf die Stalin-Avenue zu sprechen, die breit und schnurgerade, unweit vom Hügel, südlich, liegt. An ihr weisen pompöse Stadtregierungs- und Administrationsgebäude auf den einst wichtigen Status der Stadt hin. Das Stalin-Museum, am Ende eines kleinen Parks, soll innen neu eingerichtet worden sein. Weniger stalinverehrend, kritischer. Ich hab den Besuch noch vor mir; als ich vor Jahren im Sommer drin war, hatte ich kalt, es ist sehr solide mit dicken Mauern gebaut, ich warte auf eine wärmere Jahreszeit. Die Gesinnungskonfusion rund um Stalin und seine Zeit scheint in Georgien gross zu sein „In der Schule wird von Stalin nicht mehr gesprochen“, erzählte mir meine Nachbarin.

Im Alltag dominieren für mich in Gori jedoch die vielen sehr einfachen Marktstände den Strassen entlang, oft sind die Verkäuferinnen und Verkäufer russischsprechend. Viele Secondhand-Kleider, da werden Teppiche und Türvorleger direkt aus dem Kleinbus verkauft, und hier stosse ich auf schöne Maroni, die hab ich gesucht. Sie sind in drei Grössen sortiert: klein, mittel, gross. Ich nehme von den Mittleren „Saidan arian/Von wo sind sie?“ „Zugdidi“. Die Maroni sind aus Zugdidi, das ist die Hauptstadt der Küstenregion Mingrelien. Fünfzig Meter weiter stehe ich vor dem in bester Sowjetarchitektur gehaltenen ehemaligen Kino Sakhli, dem Kinohaus. Es steht leer, in der einen Hälfte des Erdgeschosses hat sich ein Elektrofachgeschäft eingenistet

Auf der anderen Strassenseite, leicht verschoben im Park mit den grossen Prachtsbäumen, blitzt das Theater hervor. Auch aus der Zeit des Kinohauses, jedoch griechischer Stil. Letztes Mal war ich überzeugt es sei ausser Betrieb, doch jetzt hängen farbige Programmaffichen zwischen den stolzen, verwitterten Eingangssäulen. Ich geh rein und frage nach. „Heute ist Saisoneröffnung“ erklärt die ältere Dame vom Billettbüro. „Eine weissrussisch-georgische Produktion, ein Gastspiel, Schedzvale/Verändere Dich, heisst das Stück. Eben hat es am Ukrainischen Theaterfestival zwei Preise gewonnen.“ „Haben Sie das Stück gesehen?“ Sie schaut mich entrüstet an. „Ich habe alle Stücke gesehen, die wir im Programm haben.“ „Ist es gut?“ „Ja.“ „Warum?“ „Es ist sehr speziell, Sie müssen es sich selber anschauen.“ Später entscheide ich mich das Stück zu sehen. Sie hatte recht, es lohnte sich. Es war eine moderne Inszenierung, die Protagonistin sehr jung. Es ging um die junge Frau, die von ihren Eltern unbedingt verheiratet werden wollte, damit Geld reinkomme für die dringend nötige Renovation der Wohnung. Die Hilfs- und Wehrlosigkeit der jungen Frau standen deutlich im Raum. Ihr Handlungsspielraum wurde immer kleiner, die Verzweiflung immer grösser.
Tolle Leistung der gesamten Truppe, das hatte ich nicht erwartet; leider begegnet einem in Georgien oft genug Repräsentationstheater. Es ist eine Realität, dass in Georgien Kinder oft als Werkzeuge ihrer Erzeuger gesehen werden. Für soziales Prestige, zur wirtschaftlichen Sicherheit, besonders im Alter. Wen wunderts, wenn die Rente im Winter nicht mal für die Nebenkosten reicht.

Herbst in der Region Kartli

Wenns im Wald aussieht wie bei Robin Hood, und die Blätter im Himmel wie Bernstein funkeln, dann ist es Zeit für diese Spezies:

Meine Nachbarn, Dali und Schalo, haben bei uns rechterhand einen prächtigen Gemüsegarten, in welchem die Trauben hoch hinauswachsen. Ursprünglich schlängelten sich die Reben in Georgien einfach die Bäume hoch. Später wurden für sie in den Gärten gross angelegte Pergolas konstruiert, welche sich vielerorts bis heute gehalten haben, so auch bei Dali und Schalo. In einem guten Jahr ernten die zwei rund eine Tonne Trauben ums Haus und Garten. Weil die Georgier*innen traditionell lieber Weisswein trinken, sind auch bei ihnen dreiviertel der Trauben weisse Sorten: Tita (Tafeltraube, im Bild oben), Tschinuri und Goruli Mzvane, beides regionale Sorten. Bei den Schwarzen, auf europäisch Blaue, gibts in kleiner Menge eine grössere Auswahl: Aus Westgeorgien stammend Aladasturi, aus Ostgeorgien stammend Saperavi, Pinot noir und zwei Sorten, die Schalo Prangi nennt. Prangi heisst auf Georgisch Franzose, er weiss nicht genau, wie die Sorten korrekt heissen. Das spielt keine Rolle, denn es kommt sowieso alles, weiss und schwarz getrennt, ins gleiche Stampfbassin. Ich bin bei der Ernte dabei, an einem Wochenende wird mit Hilfe der engeren und weiteren Familie die ganze Pracht abgeschnitten; Gego, Abkürzung von Giorgi, Grosskind von Dali und Schalo, ist der Steuermann:

Dieses Jahr wirds nicht so viel Wein geben wie letztes Jahr, Schalo ist ein bisschen besorgt, denn die letztjährigen 800 Liter sind fast ganz weggetrunken. In der Vorratskammer hinter der Küche darf ich noch von den letzten weissen Tropfen probieren. Fruchtig, leicht und perlig, wie von den Kartli-Trauben zu erwarten war. Von den Tschinuri wird auch gerne Schämpis gemacht. Für Familienwein werden die Trauben selbst gestampft, der Saft und was an Gröberem mitkommt, gelangt bei Schalo durch ein kleines Loch unten im Bassin direkt in den Abfüllraum. 20-Liter-Glasbehälter werden abgefüllt, in ihnen findet dann der gesamte Gär- und Filterprozess statt. Anders als mit den Kvevri (siehe auch diesen Link zum Thema), werden die Glas- oder manchmal auch Plastikbehälter immer wieder umgeschüttet, so bald sich die Traubenreste auf den Boden gesenkt haben. Es wird so lange umgeschüttet, bis der Wein klar ist.

Auf dem ausrangierten Lada, die Autonummern von alten Autos werden hier nicht abgegeben, da auf sie keine Steuer erhoben wird, stehen zum Trocknen Walnüsse und Gomschi, Quittenschnitze.

Nach 14 Uhr, georgische Mittagszeit, ruft Dali zum Essen. Es gibt eigenen Speck, Russischen Salat, der heisst hier übrigens Französischer Salat, gerollte Auberginen mit Walnussfüllung, Sardinen gebraten und eingelegt, gebratene Kartoffeln, frische kleine Gurken (bekannt als Salzgurken) vom Garten, auch die letzten Tomaten von dort, und Brot. Zum Trinken wird eigener Cognac in kleinen Weingläslein gereicht. Die Frauen enthalten sich, ich anerbiete mich zum Probieren. Uiiii, mir rauchen sofort die Ohren. Die Trinksprüche des Hausherrn lauten auf die Region Kartli, auf die Georgier*innen, die ins Ausland gingen um sich ein Überleben zu sichern, die Verstorbenen, die Kinder, und zum Schluss meldet sich Dalis Schwester mit einem gefüllten Gläslein Coca-Cola zu Wort: Möge doch Dalis Sohn, er sei bereits 32, endlich die ersehnte Schwiegertochter nach Hause bringen, damit Dali ein nächstes Mal die ganzen Köstlichkeiten nicht mehr alleine zubereiten müsse!
Nach einem türkischen Kaffee und Häpplein von Dalis kunstvoll gefertigter Schichtentorte, kraxeln wir wieder auf die Stellleitern.

Menschen beobachten

Seit Januar dieses Jahres bin ich Teil einer Schreibgruppe von sechs Frauen, die sich im Rahmen der Seniorenuni Zürich formiert hat, geleitet wird sie vom Professor für Populäre Kulturen, Alfred Messerli. Thema Autobiografie. Wir treffen uns ein Mal monatlich über Zoom, Internet. Es gibt auch Hausaufgaben, im September hiess es an einem belebten Ort Menschen zu beobachten. Nun, fünf Minuten von meinem Daheim war ich mitten im Geschehen:

Lispelndes Gemurmel in der morgenfrischen Herbstluft. Wortbrocken fallen heraus. Ra rirs? Ori lari. Aus allen Richtungen legen sich Stimmschichten übereinander, verweben sich, zerreissen, Ara es minda, und überlagern sich erneut. Sie sucht in der klimpernden Büchse nach den passenden Münzen, die vor sie hingestreckte gebräunte Arbeiterhand wartet auf das Rausgeld. Die Zubringerstrasse des Dorfes Garikula, welche von der entzweigebrochenen, aber immer noch befahrenen Brücke über dem meist trockenen Urbecha-Bachbett zur Hauptstrasse führt, hat sich, wie jeden Sonntag, in einen lebhaften Bauernmarkt verwandelt. 
Vor ihr schieben sich Menschen mit schwer gefüllten dünnen Plastiktüten dem schmalen Eingang des Markthofes zu. Auf ihrer Brettlade sind schmale weisse Kerzen, uneingepackte Seifen, aufgewickelte braune Schuhbändel, schwarze kurze Frauensocken und hinten, zu einer kleinen Pyramide aufgereiht, dunkelgraue Toilettenpapierrollen ausgelegt. Im Gespräch mit der stehengebliebenen weisshaarigen Frau führt sie langsam die Hand zum Ausschnitt ihres violetten Pullis, fasst mit den Fingern leicht darunter und schiebt die Träger des Unterhemds oder BHs zurecht. Feine sanftbeissende Fetzen von Rauchschwaden eines angrenzenden Gartens mischen sich in die Luft. Ein heller Wortwechsel von weit her, gebrochen vom Zwischenruf des grossgewachsenen Mannes mit unerwartet eingesunkener Brust unter dem rotblauweiss karierten Kurzarmhemd. Er faltet sich in den kleinen orangen Lada. Der plötzliche Lärm des gestarteten Motors scheucht das ruhig vor sich hinrieselnde Stimmengewirr auf, laut stiebt es, wie aufgeregte Gänse, auseinander. Rurrend und dunkel fauchend bewegt sich das Gefährt langsam rückwärts aus der Parklücke. Stoppt, die Tür öffnet sich, der mit weissgrauen Stoppeln übersähte Schädel des Fahrers schaut zurück. Am Boden ausgelegte weisse Säcke, gefüllt mit mattgrünen Stangenbohnen, Rebenpfirsichen und Kartoffeln stehen nicht weit von seinen Hinterrädern. Modi, Modi! rufen ihm die zwei älteren Männer, heftig gegen sich winkend, von der Strassenmitte zu. Der kahle Schädel verschwindet und der Lada setzt sich rottelnd wieder in Gang. Die kleingewachsene Marktfrau mit dem dunklen aserbaidschanischen Gesicht wird von der alten Autobüchse samt ihrer weissen ausladenden Säcke langsam verdeckt. Mit einem Schlag auf die hintere Seite des Kofferraums gibt der eine der zwei Männer dem Fahrer zu verstehen, dass er genug ausgeholt habe um nun vorwärts auf die ungeteerte Strasse einzubiegen. Das flache helle Holzkreuz mit gerundeten Ecken schaukelt beim Richtungswechsel unter dem Rückspiegel wild hin und her. Die kleine Frau mit schwarzem langem Rock und abgetragenen staubigen Sandalen wird wieder sichtbar, ein junger vollbärtiger Mann gestikuliert mit ihr. Mit dem Kinn zeigt er schräg hinter sie. Oberhalb des weissen Kastenwagens schichten sich dunkle Wolken in die Höhe. Ein sternförmig blauer Schlitz hat sich darin aufgetan und wandert durch das Grau. Als er stehen bleibt, sind zwei weisse zerzauste Wolkentupfer zu sehen, die weit oben durch sein sonntägliches Blau treiben. 

Sicht über unser Hochtal unweit von Kaspi, Region Kartli, Georgien

Gehen

Nimm Dir Zeit zum Lesen, lies es nochmals. Um wen handelt es sich?

Kaum einzufangen, zerrinnt zwischen den Worten. Er ist einfach da. Ich schau aus seinen
Augen, höre mit seinen Ohren. Die Füsse tragen seine Masse – die Knochen, das Wasser, seine
Bänder, Organe, Knorpel, Zellen – und sind unablässig in der Luft. Einer nach dem andern. Im
letzten Moment, bevor mein Gewicht vornüber fällt, setzt er mit der Ferse auf. Bäri. Sein Bruder
Charlie ist nämlich bereits auf dem Sprung, stösst sich mit der Fussballe ab, die längste Zehe
berührt noch ganz fein den Boden und, weg ist er. Die Sohle wendet sich dem Himmel zu, wer
weiss, was er jetzt macht, aber Bäri ist da. Von der Ferse zur Fussmitte abgerollt, und genau
jetzt, hier, stemmt Bäri die gesamte Masse. Druck auf den Boden. Der Körper spannt sich nach
oben, idealerweise kommt er ins Lot. Dauert vielleicht eine Zehntelsekunde, die Masse atmet
durch, hat den höchsten Punkt erreicht, eben noch klares Fliessen, Bäri wechselt auf die
Fussballe, oben bricht alles um, Desorientierung, Abgrund – Charlie fängt gekonnt auf. Bäri
verabschiedet sich.

Eine meiner Feldstudien, August 2021

Morgenspektakel bei mir im Dorf

Samstagmorgen, 07:16, die Hauptstrasse von Achalkalaki in Zentralgeorgien ist leer, nur zwei ältere Herren halten am Strassenrand einen Morgenschwätz. Wartend vor der Apotheke mach ich ein bisschen Beingymnastik, das fiel mir plötzlich ein, früher machte ich das oft, und beim nächsten Mal schauen gehts los: Das muss die Leitkuh sein, mit sicherem Schritt führt sie den rumpelnden Tross an, von den Seitenstrassen stossen laufend mehr dazu

Nini, die Viehüterin, hält die lebhafte Schar mit ganzem Einsatz zusammen, mit ihrer dunklen Stimme ruft sie laut und fast ohne Unterbruch „Hoho, hoho!“

Rund hundert Kühe treiben Nini und ihr Bruder täglich von den zwei Dörfern Achalkalaki und Garikula ins süsse, würzige Grün. Von viertel nach sieben bis halb acht sammeln sie auf der Hauptstrasse der zwei zusammengewachsenen Dörfer die Tiere ein, dann gehts ostwärts raus aus den Häusern, aber halt, da kommen noch welche von oben, und Tamar sitzt geniessend im Kinosessel vor ihrem noch geschlossenen Gemischtwarenlädeli.

Es wird gedudelet, wie ich früher auf dem Schulweg, heiss und dampfend gebrunzt, das hab ich natürlich nicht gemacht, und überall genascht wo’s was zu naschen gibt, das jedoch hab ich auch gemacht

Durch den Friedhof, einer von mehreren, die auf den Hügeln oberhalb der zwei Dörfer verteilt sind, gehts dann ab auf die grossen Wiesen, die von Gelb wieder auf Grün gewechselt haben seit es im August öfter mal wieder regnet, nachdem in der Hitze von Mitte Juni bis Ende Juli kaum ein Tropfen fiel

Bruder Schalva kommt mit der Nachhut

Nino treffe ich später, sie verpasste den Tross in der Hauptstrasse und muss ihre vier Milchspenderinnen nun selber zur Herde bringen

Und Sopo, zu Deutsch Sofie, macht vor dem grossen Gemischtwarenladen im Zentrum sauber; um 9 Uhr wird geöffnet.